Sonntag, 18. Juni 2017

Berliner Landpomeranze zu Besuch im Berlingarten

Berlingarten: RosenbogenBerlingarten: Gemüsebeete

Wenn man Xenias Garten betritt, sieht man sofort, dass hier ein Fan der englischen Cottage-Garten-Kultur sein Kleinod gestaltet hat. Durch prachtvoll blühende Rosenbögen und zwischen üppigen Staudenbeeten windet sich der Weg zu Xenias niedlicher Holzlaube. Alles darf hier – typisch für Cottage-Gärten – ein wenig wild durcheinander wachsen. Die Pflanzen stehen dicht an dicht, dazwischen leuchten kleine rote Walderdbeeren hier und da. Xenia bereitet mir einen zauberhaften Empfang mit Erdbeertörtchen und Melissentee. Chefin der Kommunikationsabteilung eines mittelständischen Unternehmens, Mutter einer Tochter im Teenageralter, erfolgreiche Bloggerin und passionierte Gärtnerin – die sympathische Powerfrau sieht aber eigentlich völlig entspannt und ausgeruht aus, als ich sie an einem sonnigen Junisamstag in der Kleingartenkolonie Oeynhausen besuche. Ihr Blog Berlingarten. Glück auf Grün hat gerade den Garden & Home Blog Award für das beste Garten-Blog gewonnen. Xenia erzählt mir, dass sie sich zurzeit vor Kooperationsanfragen kaum retten kann. Neben ihrer 50-Stunden-Arbeitswoche bräuchte sie eigentlich eine Sekretärin, um alle Anfragen sichten zu können. "Schließlich will ich nur aufnehmen, was ich selbst richtig gut finde und als relevant für meine Leser beurteile", sagt Xenia.

Berlingarten: Xenias kleines Paradies



Wenn ich mich aus dem gemütlichen Gartenstuhl heraus in Xenias Garten umsehe, kann ich mir aber auch gut vorstellen, dass sie hier wieder Kraft für den Alltag schöpft. Ein richtiges kleines Paradies abseits der hektischen Stadt hat sich Xenia in Berlin-Wilmersdorf geschaffen. Dabei hatte sie vor 19 Jahren, als sie den Garten übernahm, mit dem Gärtnern noch gar nichts am Hut. Ihre Eltern werkelten immer gern im Garten, sie selbst wusste nicht viel damit anzufangen. Als eine Tante aus gesundheitlichen Gründen ihren Garten aufgeben musste und einen Nachfolger suchte, hörte sie sich plötzlich sagen: „Ja, hier, den nehme ich!“ Einige Obstbäume strukturierten die Parzelle bereits vor. Davon abgesehen gestalteten Xenia und ihr Mann den Garten ganz nach ihren eigenen Vorstellungen. In kurzer Zeit hatte sie sich mithilfe der einschlägigen Gartenliteratur das gärtnerische Know-How zugelegt, um sich des 350 Quadratmeter großen Fleckchens Erde anzunehmen. Heute ist sie eine echte Pflanzen-Expertin. Liebevoll zeigt mir Xenia ihre Beete und nennt mir dabei alle Rosen beim exakten Namen. „Mein Mann mag keine Rosen. Wenn es nach ihm ginge, hätten wir nur Sonnenblumen“, lacht sie. Um Rasen, Baumschnitt und Gemüsebeete kümmert er sich aber fleißig. Xenia erzählt mir, dass sie sich vor einigen Jahren so schwer verletzt hat, dass sie lange Zeit die rechte Hand überhaupt nicht bewegen durfte. Als sie sich dabei gedankenverloren über die deutlich sichtbare Narbe auf dem Handrücken streicht, ahne ich, dass es eine sehr schwere Zeit für sie gewesen sein muss. „Ich saß hier im Gartenstuhl und gab meinem Mann Anweisungen. Irgendwann lief es dann von allein. Seitdem ist der Garten wirklich unser beider Projekt.“

Berlingarten: Tomaten im KübelBerlingarten: Tomaten
Berlingarten: VogelfutterhausBerlingarten: Staudenparadies

2020 läuft die Schutzfrist für viele Kleingartenanlagen aus


Unglaublich traurig, dass diese kleine Oase in Gefahr ist, der Immobilienbranche zum Opfer zu fallen. Wie bei vielen Berliner Kleingartenanlagen ist auch der Status der Kolonie Oeynhausen nicht gesichert. Die Hälfte der Gärtner musste im letzten Jahr bereits von jetzt auf gleich ihre Lauben verlassen. Nur vier Wochen hatten sie Zeit, um ihre gehegten und geliebten Gärten zu räumen. Ein Investor hatte das Gelände Jahre zuvor zu einem Spottpreis und unter kuriosen Umständen erworben. Als Kommunikationsexpertin leitete Xenia die Kampagne zum Erhalt der Anlage und rief aus diesem Anlass auch ihr Blog Berlingarten ins Leben. Einen Bürgerentscheid konnte die Initiative sogar für sich entscheiden. Über die Köpfe der Bürger hinweg handelte der Senat jedoch einen Kompromiss mit dem Investor aus. Dazu zählte unter anderem, dass die Hälfte der Parzellen zunächst erhalten bleiben sollte – darunter auch Xenias Garten. Viele der geplanten neuen Wohnungen sind überteuerte Eigentumswohnungen. Lediglich bei 65 der 900 geplanten Einheiten handelt es sich um preisgebundene Sozialwohnungen. 

2020 läuft die Schutzfrist für zahlreiche Berliner Kleingartenanlagen aus. Ca. 160 Anlagen stehen dann zur Disposition. Bei aller Einsicht, dass in Berlin bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden muss: Der Senat bewertet die Grundstücke leider oft nur aus monetärer Perspektive. Der ökologische Wert der Kleingärten und der Gewinn an Lebensqualität für die Berliner werden dabei allzu oft vergessen. Dabei sind die Kleingärten die grüne Lunge der Hauptstadt. Die Naturoasen filtern die Luft, bewahren die Stadt vor allzu starker Aufheizung und schlagen Luftschneisen durch das Häusermeer. Wird immer mehr Boden zubetoniert, bekommen wir außerdem auf kurz oder lang Probleme mit der Grundwasserversorgung. Ganz zu schweigen vom kulturellen Wert der Kleingärten, die auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblicken und weltweit als typisch für deutsche Städte angesehen werden.


Als ich in Xenias Garten sitze und dem friedlichen Vogelgezwitscher lausche, scheinen diese düsteren Aussichten noch weit weg zu sein. Die Spätnachmittagssonne taucht die Beete in warme Rottöne, als ich mich schließlich verabschiede. Liebe Xenia, vielen Dank für den Einblick in Deinen wunderschönen Garten. Ich freue mich, dass wir uns auch abseits der virtuellen Welt einmal kennen gelernt haben und wünsche Euch, dass Euer Garten noch lange erhalten bleibt!

Kommentare:

  1. Liebe Jessica,

    vielen lieben Dank für den schönen Artikel! So einen netten Nachmittag im Garten können wir gern wiederholen. Genießen wir die Gärten, solange es sie noch gibt.

    Beste Grüße und bis bald
    Xenia

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    1. Liebe Xenia,

      Du sagst es! Carpe hortum (oder so). X-) Ich freue mich auf ein Wiedersehen im Garten, vielleicht nächstes Mal bei uns?

      Liebe Grüße und genieß die Sonne!
      Jessica

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